Best-of-Breed vs. All-in-One: Die Sechs-Kriterien-Matrix
Die Wahl zwischen einer HR-Suite und mehreren spezialisierten Einzellösungen wird selten in der Auswahlphase teuer, sondern erst im zweiten Betriebsjahr. Diese Seite ersetzt die pauschale Präferenz für die eine oder andere Architektur durch eine Matrix aus sechs Kriterien und eine konkrete Entscheidungsregel.
Stand: 25. August 2026
Die All-in-One-Fantasie
Auf unserer Seite zum HR-Software-Auswahlprozess führen wir diesen Punkt als Denkfehler 5. Er verdient eine eigene, ausführlichere Behandlung, weil er eine Architekturentscheidung ist, keine reine Auswahlentscheidung.
Eine Suite deckt alles gleich gut ab
Die Annahme, eine All-in-One-Suite decke Payroll, Zeitwirtschaft, Recruiting und Talentmanagement gleich gut ab, hält der Praxis selten stand.
Ein bis zwei Module sind stark
In aller Regel sind ein bis zwei Module einer Suite fachlich stark, die übrigen genügen dem Durchschnitt. Der Vorteil einer Suite liegt in weniger Schnittstellen und einem Vertragspartner, nicht in durchgehender fachlicher Tiefe.
Das kurz gezeigte Modul
Ein Modul wird in der Anbieter-Demo auffällig kurz gezeigt oder auf einen Folgetermin verschoben. Das ist häufig ein Hinweis auf ein schwächeres Modul innerhalb der Suite.
All-in-One und Best-of-Breed im Kern
All-in-One-Suite
Ein System, ein Datenmodell, ein Vertragspartner für möglichst viele HR-Prozesse. Beispiele im DACH-Markt sind SAP SuccessFactors, Workday oder P&I LogaHR. Der Datenaustausch zwischen Modulen erfolgt intern, ohne Schnittstelle.
- Ein Vertrag, ein Support-Ansprechpartner, ein Update-Zyklus
- Konsistentes Datenmodell ohne Synchronisationsaufwand zwischen Modulen
- Fachliche Tiefe variiert stark zwischen den Modulen derselben Suite
Best-of-Breed
Mehrere spezialisierte Systeme, von denen jedes in seinem Fachbereich als führend gilt, zum Beispiel eine dedizierte Recruiting-Software wie softgarden neben einem DACH-Payroll-Spezialisten wie DATEV, verbunden über Schnittstellen.
- Fachliche Tiefe im jeweiligen Spezialgebiet, oft mit schnellerem Funktionszyklus
- Höherer Integrationsaufwand, mehrere Verträge und Ansprechpartner
- Größere Flexibilität, einzelne Systeme unabhängig voneinander auszutauschen
Sechs Kriterien für die Architekturentscheidung
Statt einer Pauschalempfehlung: sechs Kriterien, mit denen die IT-Leitung und das HR-Projektteam die Entscheidung für die eigene Situation durchspielen können.
| Kriterium | Spricht für All-in-One | Spricht für Best-of-Breed |
|---|---|---|
| 01 · Fachliche Tiefe je Prozess | Alle Module nur mit durchschnittlichen Anforderungen | Ein oder zwei Prozesse mit hohem Wertbeitrag und speziellen Anforderungen |
| 02 · Integrationsaufwand | Kleines IT-Team, keine Kapazität für Schnittstellenbetrieb | Vorhandene Integrationskompetenz oder API-Standards wie SCIM etabliert |
| 03 · Vertrags- und Ansprechpartnerzahl | Wunsch nach einem Vertragspartner und einer Eskalationsstelle | Bereitschaft, mehrere Anbieterbeziehungen parallel zu steuern |
| 04 · Time-to-Value | Ein Rollout-Projekt statt mehrerer paralleler Einführungen | Schrittweise Einführung, ein Modul nach dem anderen |
| 05 · Skalierbarkeit & Wechselfähigkeit | Stabile Organisation ohne absehbare Fusionen oder Länderrollouts | Wachstum, internationale Rollouts oder absehbare Fusionen mit heterogenen Systemlandschaften |
| 06 · Abhängigkeit vom Anbieter | Geringes Risikoempfinden gegenüber einem einzelnen Anbieter | Wunsch, einzelne Systeme unabhängig voneinander austauschen zu können |
Die Matrix ist als Diskussionsgrundlage für das Auswahlteam gedacht, nicht als automatisierter Rechner. Jedes Kriterium sollte im konkreten Projekt einzeln gewichtet werden, siehe dazu auch die sechs Bewertungsdimensionen im HR-Software-Auswahlprozess.
Die meisten Organisationen brauchen ein Hybridmodell
Best-of-Breed oder All-in-One ist selten eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung. In der Praxis bewährt sich meist eine bewusste Kombination.
Die Grundregel
Für die zwei bis drei Prozesse mit dem größten Wertbeitrag oder den anspruchsvollsten fachlichen Anforderungen die jeweils beste Einzellösung wählen. Für die übrigen Prozesse bewusst den Standard der gewählten Suite akzeptieren, statt für jedes Modul eine Bestlösung zu suchen.
Die Gegenrechnung
Die gesparten Schnittstellenkosten und den geringeren Betriebsaufwand einer Suite gegen die fachlichen Lücken über einen Zeitraum von fünf Jahren rechnen, nicht nur gegen die Einführungskosten im ersten Jahr.
Häufige Fragen zu Best-of-Breed vs. All-in-One
Was ist der Unterschied zwischen Best-of-Breed und All-in-One bei HR-Software?
All-in-One bezeichnet eine einzelne Suite, die möglichst viele HR-Prozesse in einem System und mit einem Vertragspartner abdeckt. Best-of-Breed bezeichnet die Kombination mehrerer spezialisierter Systeme, von denen jedes in seinem Fachbereich als führend gilt, verbunden über Schnittstellen.
Ist eine All-in-One-Suite automatisch die einfachere Wahl?
Nein, das ist die All-in-One-Fantasie: die Annahme, eine Suite decke alle Module gleich gut ab. In der Praxis sind meist ein bis zwei Module einer Suite stark, die übrigen genügen dem Durchschnitt. Der Vorteil einer Suite liegt in weniger Schnittstellen und einem Vertragspartner, nicht in durchgehender fachlicher Tiefe.
Muss man sich für die ganze Organisation auf ein Modell festlegen?
Nein. In der Praxis bewährt sich meist ein Hybridmodell: für die zwei bis drei Prozesse mit dem größten Wertbeitrag die fachlich beste Einzellösung, für die übrigen Prozesse bewusst der Suite-Standard, um Schnittstellen und Vertragsaufwand zu begrenzen.
Welche Rolle spielt die IT-Leitung bei dieser Entscheidung?
Die IT-Leitung trägt in der Regel die Integrations-, Schnittstellen- und Betriebsverantwortung, die bei Best-of-Breed deutlich höher ist als bei einer Suite. Ein informiertes Veto der IT-Leitung sollte deshalb auf der Sechs-Kriterien-Matrix beruhen, nicht auf einer pauschalen Präferenz für weniger Systeme.
Was kostet eine falsche Entscheidung in diesem Bereich?
Eine falsche Architekturentscheidung wird selten in der Auswahlphase sichtbar, sondern erst im zweiten Betriebsjahr, wenn fachliche Lücken in einer zu breit gewählten Suite oder Schnittstellenprobleme bei zu vielen Einzellösungen Nachverhandlungen oder Zusatzentwicklung erzwingen.
Welche Architektur passt zu Ihrem Unternehmen?
Das kostenlose KI-Matching berücksichtigt sowohl spezialisierte Einzellösungen als auch All-in-One-Suiten und liefert in rund sechs Minuten eine begründete Shortlist aus über 180 HR-Systemen. Kostenlos, unverbindlich und ohne Provisionsmodell.
Stand dieser Seite: 25. August 2026. Verwandte Seite: HR-Software-Auswahlprozess, Denkfehler 5.